Taxis und Inflation

Im November steigen die Taxipreise in Buenos Aires erneut um 26%. Damit haben sie sich seit meiner Ankunft in Argentinien vor gut einem Jahr etwa verdoppelt und seit 2003 etwa um 500% verteuert. Die Entwicklung der Taxipreise spiegelt eines der grossen wirtschaftliche Probleme Argentiniens, die hohe Inflation, wider. Die offizielle Inflationsrate liegt bei 10% während unabhängige Stellen die Inflation mit über 20% pro Jahr bewerten. Im Alltag macht sich die Inflation so bemerkbar, dass die Preise in den Supermärkten etwa alle zwei Wochen angepasst werden, manche Produkte sich extrem verteuern (wie eben Taxipreise und Brotpreise, die sich in einem Jahr verdoppelt haben; Dienstleistungen, Schwimmbad, Importprodukte), eine grosse Anzahl von Produkten sich aber moderat im Preis entwickelt (wie z.B. insbesondere für meinen persönlichen Warenkorb relevant: Miete, 400g Filetsteaks und Bier).

Die Veröffentlichung der Inflationszahlen durch die nationale Statistikbehöhrde INDEC ist aber auch exemplarisch für ein grosses politisches Problem, das Argentinien im Vergleich zu anderen “Emerging Countries” (wie z.B. Brasilien) in der Entwicklung zurückfallen lässt: die fehlende politische Unabhängigkeit staatlicher Institutionen. Die Statistiken der Behörde gelten als politisch-motiviert geschönt und nur einer von zehn Argentiniern hält die Statistiken des INDEC für vertrauenswürdig.

Die politische Einflussnahme erfolgt über die Besetzung von Schlüsselpositionen durch die Regierung, durch Weisungen der Regierung an die Behörde sowie durch strafrechtliches Vorgehen gegen die Veröffentlichung von unabhängigen Inflationsberechnungen. Im Jahre 2007 wurde die Verantwortliche der Ermittlung des Preisindexes, Graciela Bevacqua, von der Regierung ausgetauscht, als unter ihrer Verantwortung eine monatliche Inflationsrate von 2% berechnet wurde (später wurden 1,1% veröffentlicht). Der Vorstand des INDEC steht unter direkter Weisung des Wirtschaftsministeriums und es liegen zahlreiche Hinweise vor, dass die Inflationszahlen  in der Vergangenheit durch Änderung des Warenkorbs im Falle von zu starker Preissteigerung sowie durch Erfassung falscher Preise manipuliert wurden.

Der Ausweis einer niedrigen Inflationsrate erspart dem argentischen Staat Zinszahlungen in Millionenhöhe für inflationsgekoppelte Staatsanleihen – oder anders formuliert: Die Anleger werden um entsprechende Zahlungen betrogen. Der Schaden, der der argentischen Wirtschaft durch den Vertrauensverlust aufgrund der Manipulationen entsteht, dürfte aber deutlich höher sein.

Un abrazo.

Panamericana

Manche laufen zur Arbeit, andere nehmen die U-Bahn oder fahren über die Stadtautobahn. Mich bringt jeden Morgen der Bus No. 15 über die, an dieser Stelle immerhin je Richtung achtspurige, Panamericana zur Arbeit. Als ich dies kürzlich in einer Unterhaltung erwähnte – im Hintergrund lief gerade das Lied Pa-Panamericano – wurde mir erst klar, dass es sich nicht um eine x-beliebige Strasse handelt.

Die Panmamericana ist eine Strasse der Superlative. Das als “längste Strasse der Welt” bezeichnete System von Autobahnen und Schnellstrassen verbindet Alaska mit Feuerland und durchquert auf einer Strecke von mehr als 25.000 km den gesamten amerikanischen Kontinent. Mit Ausnahme einer Strecke von nur 90km zwischen Panamakanal und Nordkolumbien ist die gesamte Route befahrbar. Der Strassenverlauf spiegelt ein grosses Spektrum der unterschiedlichen Charakteristika und Gegensätze des Kontinents wider: die unterschiedlichsten Klima- und Vegetazionszonen, Dschungel, Wüste und Hochgebirge, Höhenunterschiede von bis zu 5000m in je nach Strecke 14-19 verschiedenen Staaten.

Im ursprünglichen Verlauf verband die Panamericana die Stadt Laredo an der amerikanisch-mexikanischen Grenze mit Buenos Aires. Die Vorbereitung und Planung des Strassenbaus erfolgte auf diversen internationalen Konferenzen und Planungskomitees in den zwanziger Jahren. Der Bau der Strassen begann dann in den dreissiger Jahren in Verantwortung der jeweiligen Länder. 1950 war Mexiko das erste Land, dass seinen Abschnitt der Panamericana fertigstellte. Eine teilweise Umbenennung und Zuordnung weiterer Strecken zur Panamericana, über den ursprünglichen Verlauf hinaus, erfolgte später, als sich der “Mythos Panamericana” langsam herausbildete.

Das Lied hat im Übrigen nicht das Geringste mit der Strasse zu tun.

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Steaks diesseits und jenseits des Rio de la Plata

Einige diesseits des Rio de la Plata werden mir das sicher übel nehmen, dennoch komme ich zweifelsfrei zu folgendem Urteil: Die Steaks in Uruguay sind noch ein bisschen schmackhafter als die in Argentinien. Die Grillmeister des Mercado del Puerto in Montevideo sind unumstrittene Meister ihres Faches.

Un abrazo.

Cristina wiedergewählt

Keine grosse Überraschung: Gestern wurde CFK als Präsidentin wiedergewählt. Mit 54% der Stimmen, einem Vorsprung von 37% gegenüber dem zweitplatzierten Binner, einer Mehrheit in beiden Kammern des Parlaments und einem Rückhalt in der Mehrzahl der neu gewählten Provinzregierungen, ist sie mit einer erheblichen Machtfülle ausgestattet. Nach diesem Wahlsieg, begünstigt durch die völlige Abwesenheit einer ernstzunehmenden Opposition, die günstigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zum Ende der ersten Amtszeit und umfangreiche Sozialprogramme, dürfte die Fortsetzung der linkpopulistischen Politik in der zweiten Amtszeit holpriger werden, wenn der wirtschaftliche Rückenwind nachlässt.

Berichte in der Frankfurter Allgemeinen, taz (mit der Betonung das Fernandez KEINE Feministin ist), und Financial times Deutschland (mit recht einseitiger politscher Einordnung und einer Einstufung des Wahlergebnisses als Kantersieg ?!?).

Un saludo.

In einer DC-9 nach Maracaibo

Heute morgen bin ich von Caracas nach Maracaibo, der grössten Stadt der Karibik, geflogen. Nach der Kälte der letzten Wochen in Buenos Aires kommen mir und meiner Gesundheit die Temperaturen von über 40° gut zupass, auch wenn die Stadt, die vor knapp 500 Jahren als Neu-Nürnberg gegründet wurde, auf den ersten Blick nur wenig Attraktives zu bieten hat. Der Flug selbst war bemerkenswert. Zunächst war ich überrascht, als mir ein Kollege bei meiner Ankunft am Flughafen meine Bordkarte in die Hand drückte. Er hatte mich schonmal, nur mit meinem Namen, eingescheckt. Glücklicherweise hatte dies niemand anderes getan. Er hätte nämlich auch gleich in meinem Namen abfliegen können, da es bei nationalen Flügen keine Ausweiskontrolle gibt. Der knapp einstündige Flug mit Aserca Airlines wurde dann mit einer DC-9 durchgeführt. Diese in den sechsiger Jahren entwickelte Maschine wird seit 30 Jahren nicht mehr gebaut und hat Museumsstückcharakter. Gemäss meiner Einschätzung handelte es sich bei der Maschine meines Flugs eher um eines der ersten als eines der letzten Modelle. Beeindruckend war insbesondere die Innenverkleidung der Kabine, die grösstenteils aus Holz bestand, und das Wort “Luftschiff” gleich in einem neuen Licht erscheinen liess. Das Hineinwinden meiner 1,90m in den Sitz war anspruchsvoll und die Kopfstütze drückte mich etwas knapp unter den Schulterblättern. Am Flug gab es dann aber nichts auszusetzen und das Fluggefühl war recht dynamisch. 

Un saludo.

Gut sind Privatkredite

… und zwar für die Bank. Der hier von der Banco Provincia beworbene Privatkredit, den man beispielsweise Aufnehmen kann, um seiner Tochter eine wunderbare Feier zum 15. Geburtstag auszurichten (was hier eine Riesensache ist, aber das ist eine andere Geschichte), hat bei einer maximalen Summe von AR$ 150.000 (ca. EUR 25.000) und einer Laufzeit von 72 Monaten einen effektiven Jahreszins von 43%.

Die Kreditzinsen sind in Argentinien dermassen hoch, dass der Mehrheit der Bevölkerung ein Zugang zum Kreditmarkt faktisch verwehrt ist. Auch Immobilienkredite haben einen effektiven Jahreszins von nicht unter 30%. Dadurch können sich im Prinzip nur diejenigen eine Immobilie kaufen, die bereits über ein Vermögen verfügen.

Un abrazo.

Macrí bleibt Bürgermeister

Der konservativ-neoliberale Mauricio Macrí, Unternehmer und Ex-Präsident von Boca-Juniors, bleibt Bürgermeister von Buenos Aires, nachdem er in der Stichwahl beachtliche 64% der Stimmen gegen Daniel Filmus, den Kandidaten von Präsidentin Kirchner, erzielen konnte. Die 2,4 Mill. Wähler der Hauptstadt (9% der Gesamtwahlbevölkerung) sind dem Peronismus traditionell eher abgeneigt – ganz im Gegensatz zu den armen Vororten der Stadt – daher ist das Ergebnis wohl nur bedingt als ein Indikator für eine Tendenz bezüglich der Präsidentschaftswahlen im Oktober zu werten. Obwohl in Argentinien Wahlpflicht herrscht, gaben am letzten Tag der Winterferien nur 72% der Wähler ihre Stimme ab.

Un abrazo.