Tag Archives: Buenos Aires

Weltuntergang

Die Sommergewitter haben es immer in sich, gestern sah es aber kurzzeitig so aus, als würde die Welt untergehen. Um 19 Uhr verdunkelte sich erst der Himmel, dann brachte ein Sturm die Bäume in eine unnatürlich waagerechte Lage. Als sich die Bäume wieder aufrichteten, öffnete sich der Himmel. In kürzester Zeit überschwemmten die herabstürzenden Wassermassen die Stadt und liessen die U-Bahnschächte volllaufen. Der Verkehr kam für Stunden komplett zum erliegen. Soetwas bringt Buenos Aires allerdings nicht aus der Ruhe.

Un abrazo.

Superclásico

Boca: 2 – Riverplate: 0. Seitdem River in die zweite Liga abgestiegen ist, sind die regulären Begegnungen Mangelware, und es müssen Freundschaftsspiele wie das gestrige herhalten, um das kollektive Verlangen nach einem Kräftemessen zwischen den Erzrivalen zu stillen. Vor einer Kulissen von Polizisten und Fans im Verhältnis 1:10 machte River das Spiel, während Boca die Tore schoss und demonstrierte, wer von beiden der Erstligist ist.

Das Superclásico stellt auch Namen und Kulisse für den dänischen Film zur Verfügung, der dieses Jahr als bester fremdsprachlicher Film für den Oscar nominiert ist. Sieht zwar ein bisschen klamottich aus, bin aber trotzdem schon in freudiger Erwartung, dass er hier in die Kinos kommt.

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Un abrazo.

U-Bahn: aus dem legalen Limbo mit 127% Fahrpreiserhöhung

Ab heute steigt der Preis für eine Fahrt mit der Subte, der U-Bahn von Buenos Aires, von A$ 1,10 auf A$ 2,50 (ca. € 0,45). Die Preiserhöhung steht im Kontext eines Programms zur Kürzung von Subventionen, das von der Regierung Fernandez im November, direkt nach der Wahl, angekündigt wurde. Die Subventionen, die bei schätzungsweise 4% des BIP liegen, sollen um 25% oder A$ 20 Mrd. (€ 3,6 Mrd.) pro Jahr gekürzt werden, um ein Haushaltsdefizit, das den finanziellen Handlungsspielraum aufgrund der immer noch begrenzten internationalen Refinanzierungsmoeglichkeiten Argentiniens stark einschränkte, zu vermeiden.

Die Kürzung aller Subventionen soll möglichst schnell, in den ersten drei Monaten des Jahres 2012, über die Bühne gehen, um den Wählern ausreichend Zeit zu gewähren, die bitteren Pillen rechtzeitig vor den nächten Wahlen, die 2013 wieder anstehen, zu vergessen. Im Falle der Subte wurde aber Rekordgeschwindigkeit vorgelegt.

Im Rahmen der umfangreichen Privatisierung von Staatsbetrieben der Regierung Menem wurde der Betrieb der Subte 1994 im Ergebnis eines dreijährigen Ausschreibungsverfahrens an die Firma Metrovías S.A  übertragen. Geburtsfehler der Konzession war, dass der Nationalstaat einerseits als Vertragspartner verantwortlich für Überwachung und Kontrolle von Vetragseinhalt und U-Bahnbetrieb war, während die Stadt Buenos Aires andererseits Eigentümer des U-Bahnnetzes blieb, jedoch lediglich für Planung und Ausführung von Streckenerweiterungen verantwortlich war, und sich somit in einem rechlichen Limbo ohne direkten Zugriff auf Metrovía befand. Als der Vertrag 1999 nachverhandelt und bis zum Jahr 2017 verlängert wurde, wurde auch der Übertrag der Verantwortung an die Stadt Buenos Aires vorgesehen; dies wurde aber aufgrund politischer Differenzen niemals umgesetzt.

Nach dem ursprünglichen Vertrag gehörten zu den Pflichten von Metrovías die Instandhaltung des übertragenen U-Bahnnetzes sowie die Umsetzung eines vertraglich vereinbarten Investitionsprogramms. Die vereinbarten Investitionen wurden aber bereits in den ersten Jahren in den meisten Fällen entweder verspäter oder gar nicht umgesetzt; u.a. wurde auch die Betriebszeit der Subte in dieser Zeit verkürzt. Die Situation änderte sich grundsätzlich, als im Jahr 2002 unter der Regierung Duhalde im Kontext der Wirtschaftskrise das bis heute geltende “Eisenbahn-Notstandsgesetz” (ley de Emergencia Ferroviaria) verabschiedet wurde, das die Verantwortung für Instandhaltung und Investitionen auf den Nationalstaat übertrug sowie Subventionen an die Konsessionäre einführte, um die Fahrpreise einzufrieren. Ab diesem Zeitpunkt waren nicht nur alle bestehenden – und nicht erfüllten – vertraglichen Verpflichtungen Metrovías vergessen, der Nationalstaat übernahm auch die Finanzierung sämtlicher Massnahmen für Renovierung, Instandhaltung und Verbesserung der U-Bahn, und durch den stetigen Fluss von direkten Subventionszahlungen, begründet mit der Stabilisierung des Fahrpreises, entwickelte sich der Vertrag für den Haupteigner der Firma, Benito Roggio, nunmehr zu einer Garantie für die Generierung von Gewinnen. Die Verwendung der Subventionen ist völlig intransparent und in ihrer Höhe sind sie beständig gestiegen, auf aktuell ca. A$ 700 Mill. (€ 127 Mill.) pro Jahr; die Qualität des Services befindet sich seit Jahren in einer Abwärtsspirale.

Nach der Ankündigung der Subventionkürzungen durch die Regierung Fernandez war der Übertrag der Subte die erste Massnahme, die – lediglich innerhalb eines guten Monats - umgesetzte wurde: Nationalregierung und die Hauptstadtregierung unter Macri einigten sich nach einigem Widerstand der Stadt, dass die volle Verantwort für die U-Bahn zum 1. Januar auf die Stadt Buenos Aires übergehe und der Nationalstaat noch 50% der Subventionen für ein Jahr (A$ 360 Mill.) übernehme. Die hohe Geschwindigkeit ausgerechnet beim Thema Subte ergibt sich aus der Interessenlage der Regierung Fernandez, mit der U-Bahn auch die Verantwortung für die unpopulären Subventionskürzungen auf den politischen Gegner – die Regierung Macri – zu übertragen. Nur wenige Tage nach dem Übertrag der Subte kündigte dann auch die Regierung der Hauptstadt die Fahrpreiserhöhung um 127% an.

Obwohl der Übertrag der Subte an die Stadt Buenos Aires sowie eine Überprüfung der Subventionen an Metrovías richtig ist, ist es doch sehr durchsichtig, dass die Regierung Fernandez mit dieser kurzfristigen Massnahme in erster Linie aus politischem Kalkül agiert. Die Privatisierung der U-Bahn – wie nur in wenigen Städten weltweit durchgeführt, selbst unter der Privatisierungswelle der Regierung Thatcher blieb die Londoner U-Bahn staatlich – war von Anbeginn ein Fehlschlag. Die Privatisierung und der Konzessionsvertrag mit Metrovias, der für deren Eigentümer eine Lizenz zum Gelddrucken darstellt, gehören auf den Prüfstand. Obwohl der aktuelle Fahrpreis der U-Bahn im internationalen Vergeleich noch im Rahmen liegt, sollten Preiserhöhungen nur nach einer Analyse der Auswirkung auf Nutzer und die Verkehrssituation der Stadt und der daraus resultierenden zusätzlichen sozialen Kosten durchgeführt werden.  

Un abrazo.

Wenn die Jacarandabäume blühen

Am Übergang vom Frühling zum Sommer blühen die Jacarandabäume und die ganze Stadt ist in lila getaucht. Die Jacarandabäume sind den ganzen Winter über grün. Zum Beginn des Frühlings verlieren sie die Blätter und fangen an zu blühen. Schnell bildet sich unter den Bäumen ein lilafarbener Teppich, von dem extreme auf-die-Schnauze-geh-Gefahr ausgeht.

Wenn die Jacarandabäume blühen ist wahrscheinlich die schönste Jahreszeit in Buenos Aires. Seit Tagen haben wir herrliches Wetter. 26° und Sonnenschein, aber noch nicht die Hitze des Sommers, eine leichte Briese und laue Nächte, die exzellent mit gekühltem Quilmes unter freiem Himmel harmonieren. 

Un abrazo.

Das Lied in mir – El día que no nací

“Das Lied in mir” (El dí que no nací) von Florian Cossen lief als Beitrag auf dem diesjährigen Festival de Cine Aleman in Buenos Aires.

Der Film handelt von der in Deutschland aufgewachsenen Maria (Jessica Schwarz), deren Identität sich bei einem nicht geplanten, den Umständen geschuldeten Aufenthalt in Buenos Aires in einen Scherbenhaufen verwandelt. Nach und nach erfährt sie die Wahrheit ihrer Herkunft: Diejenigen, die sie ihr Leben lang für ihre Eltern gehalten hat, haben sie adoptiert und bei der Adoption ging es nicht nur mit rechten Dingen zu. Ihre wirklichen Eltern gehörten zu den schätzungsweise 30.000 Personen, die in Argentinien in den achtziger Jahren während der Zeit von Militärdiktatur und Staatsterror spurlos verschwanden und ermordet wurden. Sie lernt ihre verbliebene Familie kennen, gegen deren Willen sie nach Deutschland gebracht wurde. Doch diese Personen sind ihr völlig fremd und sie versteht ihre Sprache nicht. Im Mittelpunkt des Films steht der Konflikt mit ihrem (Atoptiv-) Vater und die plötzlich und unerwartet ausgelöste Identitätskrise.

Auch wenn die Geschichte an einigen Stellen zu unwahrscheinlich konstruiert ist und der Handlung etwas mehr Geschwindigkeit gut zupass käme, nimmt dieser Film einen interessanten Blickwickel auf dieses dunkle Kapitel der argentinischen Geschichte und zeigt schöne, ungeschminkte Bilder aus dem Alltag von Buenos Aires.

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Un Abrazo.

Taxis und Inflation

Im November steigen die Taxipreise in Buenos Aires erneut um 26%. Damit haben sie sich seit meiner Ankunft in Argentinien vor gut einem Jahr etwa verdoppelt und seit 2003 etwa um 500% verteuert. Die Entwicklung der Taxipreise spiegelt eines der grossen wirtschaftliche Probleme Argentiniens, die hohe Inflation, wider. Die offizielle Inflationsrate liegt bei 10% während unabhängige Stellen die Inflation mit über 20% pro Jahr bewerten. Im Alltag macht sich die Inflation so bemerkbar, dass die Preise in den Supermärkten etwa alle zwei Wochen angepasst werden, manche Produkte sich extrem verteuern (wie eben Taxipreise und Brotpreise, die sich in einem Jahr verdoppelt haben; Dienstleistungen, Schwimmbad, Importprodukte), eine grosse Anzahl von Produkten sich aber moderat im Preis entwickelt (wie z.B. insbesondere für meinen persönlichen Warenkorb relevant: Miete, 400g Filetsteaks und Bier).

Die Veröffentlichung der Inflationszahlen durch die nationale Statistikbehöhrde INDEC ist aber auch exemplarisch für ein grosses politisches Problem, das Argentinien im Vergleich zu anderen “Emerging Countries” (wie z.B. Brasilien) in der Entwicklung zurückfallen lässt: die fehlende politische Unabhängigkeit staatlicher Institutionen. Die Statistiken der Behörde gelten als politisch-motiviert geschönt und nur einer von zehn Argentiniern hält die Statistiken des INDEC für vertrauenswürdig.

Die politische Einflussnahme erfolgt über die Besetzung von Schlüsselpositionen durch die Regierung, durch Weisungen der Regierung an die Behörde sowie durch strafrechtliches Vorgehen gegen die Veröffentlichung von unabhängigen Inflationsberechnungen. Im Jahre 2007 wurde die Verantwortliche der Ermittlung des Preisindexes, Graciela Bevacqua, von der Regierung ausgetauscht, als unter ihrer Verantwortung eine monatliche Inflationsrate von 2% berechnet wurde (später wurden 1,1% veröffentlicht). Der Vorstand des INDEC steht unter direkter Weisung des Wirtschaftsministeriums und es liegen zahlreiche Hinweise vor, dass die Inflationszahlen  in der Vergangenheit durch Änderung des Warenkorbs im Falle von zu starker Preissteigerung sowie durch Erfassung falscher Preise manipuliert wurden.

Der Ausweis einer niedrigen Inflationsrate erspart dem argentischen Staat Zinszahlungen in Millionenhöhe für inflationsgekoppelte Staatsanleihen – oder anders formuliert: Die Anleger werden um entsprechende Zahlungen betrogen. Der Schaden, der der argentischen Wirtschaft durch den Vertrauensverlust aufgrund der Manipulationen entsteht, dürfte aber deutlich höher sein.

Un abrazo.

Panamericana

Manche laufen zur Arbeit, andere nehmen die U-Bahn oder fahren über die Stadtautobahn. Mich bringt jeden Morgen der Bus No. 15 über die, an dieser Stelle immerhin je Richtung achtspurige, Panamericana zur Arbeit. Als ich dies kürzlich in einer Unterhaltung erwähnte – im Hintergrund lief gerade das Lied Pa-Panamericano – wurde mir erst klar, dass es sich nicht um eine x-beliebige Strasse handelt.

Die Panmamericana ist eine Strasse der Superlative. Das als “längste Strasse der Welt” bezeichnete System von Autobahnen und Schnellstrassen verbindet Alaska mit Feuerland und durchquert auf einer Strecke von mehr als 25.000 km den gesamten amerikanischen Kontinent. Mit Ausnahme einer Strecke von nur 90km zwischen Panamakanal und Nordkolumbien ist die gesamte Route befahrbar. Der Strassenverlauf spiegelt ein grosses Spektrum der unterschiedlichen Charakteristika und Gegensätze des Kontinents wider: die unterschiedlichsten Klima- und Vegetazionszonen, Dschungel, Wüste und Hochgebirge, Höhenunterschiede von bis zu 5000m in je nach Strecke 14-19 verschiedenen Staaten.

Im ursprünglichen Verlauf verband die Panamericana die Stadt Laredo an der amerikanisch-mexikanischen Grenze mit Buenos Aires. Die Vorbereitung und Planung des Strassenbaus erfolgte auf diversen internationalen Konferenzen und Planungskomitees in den zwanziger Jahren. Der Bau der Strassen begann dann in den dreissiger Jahren in Verantwortung der jeweiligen Länder. 1950 war Mexiko das erste Land, dass seinen Abschnitt der Panamericana fertigstellte. Eine teilweise Umbenennung und Zuordnung weiterer Strecken zur Panamericana, über den ursprünglichen Verlauf hinaus, erfolgte später, als sich der “Mythos Panamericana” langsam herausbildete.

Das Lied hat im Übrigen nicht das Geringste mit der Strasse zu tun.

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Macrí bleibt Bürgermeister

Der konservativ-neoliberale Mauricio Macrí, Unternehmer und Ex-Präsident von Boca-Juniors, bleibt Bürgermeister von Buenos Aires, nachdem er in der Stichwahl beachtliche 64% der Stimmen gegen Daniel Filmus, den Kandidaten von Präsidentin Kirchner, erzielen konnte. Die 2,4 Mill. Wähler der Hauptstadt (9% der Gesamtwahlbevölkerung) sind dem Peronismus traditionell eher abgeneigt – ganz im Gegensatz zu den armen Vororten der Stadt – daher ist das Ergebnis wohl nur bedingt als ein Indikator für eine Tendenz bezüglich der Präsidentschaftswahlen im Oktober zu werten. Obwohl in Argentinien Wahlpflicht herrscht, gaben am letzten Tag der Winterferien nur 72% der Wähler ihre Stimme ab.

Un abrazo.

Riverplate abgestiegen

Riverplate, neben Boca Juniors zweiter grosser Traditionsverein von Buenos Aires und 33-maliger argentinischer Meister, ist am Sonntag nach einer Niederlage und einem Unentschieden in den Relegationsspielen gegen CA Belgrano das erste Mal in der 110-jährigen Vereinsgeschichte in die zweite Liga abgestiegen. Noch vor Abpfiff wurden die Spieler von den eigenen Fans mit Gegenständen beworfen. Anschliessend wurde das komplette Stadion auseinandergenommen. Ausserhalb des Stadions setzten sich bürgerkriegsähnliche Strassenkämpfe fort. 2.200 Polizisten waren im Einsatz, die Polizeisirenen waren noch bis weit in die Nacht in der ganzen Stadt zu hören und insgesamt wurden 72 Personen verletzt.

Das Riverplate-Stadion war auch als Austragungsort für das Finale des “Copa America” vorgesehen, der dieses Jahr in Argentinien stattfindet und in vier Tagen beginnt, (und für das ich die Begegnung Argentinien-Brasilien erhoffe). Nach den Vorfällen und den umfangreichen Zerstörungen wurde das Stadion von den Behörden zunächst für 30 Tage gesperrt. Wo das Finale stattfindet, ist also momentan offen.

Hier ist auf jeden Fall mehr Emotion im Spiel als in der Allianz-Arena.

Update: Das Riverplate Stadion wurde mittlerweile doch als Austragungsort für das Finale bestätigt.

Una abrazo