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Das Lied in mir – El día que no nací

“Das Lied in mir” (El dí que no nací) von Florian Cossen lief als Beitrag auf dem diesjährigen Festival de Cine Aleman in Buenos Aires.

Der Film handelt von der in Deutschland aufgewachsenen Maria (Jessica Schwarz), deren Identität sich bei einem nicht geplanten, den Umständen geschuldeten Aufenthalt in Buenos Aires in einen Scherbenhaufen verwandelt. Nach und nach erfährt sie die Wahrheit ihrer Herkunft: Diejenigen, die sie ihr Leben lang für ihre Eltern gehalten hat, haben sie adoptiert und bei der Adoption ging es nicht nur mit rechten Dingen zu. Ihre wirklichen Eltern gehörten zu den schätzungsweise 30.000 Personen, die in Argentinien in den achtziger Jahren während der Zeit von Militärdiktatur und Staatsterror spurlos verschwanden und ermordet wurden. Sie lernt ihre verbliebene Familie kennen, gegen deren Willen sie nach Deutschland gebracht wurde. Doch diese Personen sind ihr völlig fremd und sie versteht ihre Sprache nicht. Im Mittelpunkt des Films steht der Konflikt mit ihrem (Atoptiv-) Vater und die plötzlich und unerwartet ausgelöste Identitätskrise.

Auch wenn die Geschichte an einigen Stellen zu unwahrscheinlich konstruiert ist und der Handlung etwas mehr Geschwindigkeit gut zupass käme, nimmt dieser Film einen interessanten Blickwickel auf dieses dunkle Kapitel der argentinischen Geschichte und zeigt schöne, ungeschminkte Bilder aus dem Alltag von Buenos Aires.

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Un Abrazo.

Panamericana

Manche laufen zur Arbeit, andere nehmen die U-Bahn oder fahren über die Stadtautobahn. Mich bringt jeden Morgen der Bus No. 15 über die, an dieser Stelle immerhin je Richtung achtspurige, Panamericana zur Arbeit. Als ich dies kürzlich in einer Unterhaltung erwähnte – im Hintergrund lief gerade das Lied Pa-Panamericano – wurde mir erst klar, dass es sich nicht um eine x-beliebige Strasse handelt.

Die Panmamericana ist eine Strasse der Superlative. Das als “längste Strasse der Welt” bezeichnete System von Autobahnen und Schnellstrassen verbindet Alaska mit Feuerland und durchquert auf einer Strecke von mehr als 25.000 km den gesamten amerikanischen Kontinent. Mit Ausnahme einer Strecke von nur 90km zwischen Panamakanal und Nordkolumbien ist die gesamte Route befahrbar. Der Strassenverlauf spiegelt ein grosses Spektrum der unterschiedlichen Charakteristika und Gegensätze des Kontinents wider: die unterschiedlichsten Klima- und Vegetazionszonen, Dschungel, Wüste und Hochgebirge, Höhenunterschiede von bis zu 5000m in je nach Strecke 14-19 verschiedenen Staaten.

Im ursprünglichen Verlauf verband die Panamericana die Stadt Laredo an der amerikanisch-mexikanischen Grenze mit Buenos Aires. Die Vorbereitung und Planung des Strassenbaus erfolgte auf diversen internationalen Konferenzen und Planungskomitees in den zwanziger Jahren. Der Bau der Strassen begann dann in den dreissiger Jahren in Verantwortung der jeweiligen Länder. 1950 war Mexiko das erste Land, dass seinen Abschnitt der Panamericana fertigstellte. Eine teilweise Umbenennung und Zuordnung weiterer Strecken zur Panamericana, über den ursprünglichen Verlauf hinaus, erfolgte später, als sich der “Mythos Panamericana” langsam herausbildete.

Das Lied hat im Übrigen nicht das Geringste mit der Strasse zu tun.

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Malvinas machen sich immer gut im Wahlkampf

Die Islas Malvinas (für die Argentinier) bzw. Falklandinseln (für die Briten) sind ein unwirtlicher Fleck vor der Küste Feuerlands, mit einer duchschnittlichen Jahrestemperatur von 5°C, bis ins 18. Jahrhundert hinein unbewohnt, und auch heute mit weniger als 3.000 Einwohnern nur sehr dünn besiedelt. Seit der britischen Besetzung im Jahre 1833 steht die Inselgruppe unter britischen Hoheit. Genausolange liegen Argentinien und Grossbritanien um deren Souveränität im Streit, der 1982 zum Falklandkrieg eskalierte – mit knapp 1000 Toten auf beiden Seiten und einem Rückzug der unterlegenen Argentinier nach zwei Monaten.

Für die Argentinier ist die Malvinas-Frage ein höchst emotionales Anliegen und nationales Selbstverständnis. Der Anspruch auf die Malvinas ist in der Verfassung verankert, wird im ganzen Land flächendeckend durch Schilder und Plakate (wie das obige auf dem Plaza de Mayo vor dem Präsidentenpalast) manifestiert und steht als popolustisches Element im Programm jeder politischen Partei, gleich welcher Coleur. Nachdem nun die Präsidentschaftswahlen am 23. Oktober vor der Tür stehen, ist es wenig verwunderlich, dass das Thema in der öffentlichen Debatte zunehmend an Gewicht gewinnt.

Nachdem sich die aktuelle Präsidentin Cristina Fernandez de Kirchner monatelang nicht zu ihrer möglichen Kandidatur geäussert hat, kündigte sie in dieser Woche – drei Tage vor Ablauf der Frist – wie erwartet an, dass sie für eine Wiederwahl antreten werde. In diesem Kontext sind sicherlich die jüngste diplomatischen Initiativen der argentischne Regierung bezüglich der Malvinas zu sehen.

Als Ergebnis einer dieser Initiativen hatte das U.N. Entkolonisierungskommittee Grossbritanien und Argentinien dazu aufgerufen, erneut Verhandlungen bezüglich der Malvinas aufzunehmen – die Inseln sind Bestandteil der U.N.-Liste mit den letzen 16 nicht entkolonialisierten Gebieten der Welt. Eine weitere Aufforderung zur Wiederaufnahme der Verhandlungen beinhaltete eine Resolution der Organization of American States (OAS). Insbesondere deren Billigung durch die USA wurde in Grossbritanien als ein “Schlag ins Gesicht” wahrgenommen.

Abgesehen von dem verbalen Säbelrasseln auf beiden Seiten werden sich wohl keine Auswirkungen auf den Status-Quo ergeben. Dennoch und unabhängig davon, dass die Malvinas-Frage in Argentinien seit jeher fast ausschliesslich aus politischem Kalkül eingesetzt wurde, bleibt die Frage: Was haben die Briten eigentlich auf diesen Inseln – 14.000 km entfernt von Grossbritanien – verloren?

Un abrazo.

Tango!

Nicht nur während der gerade stattfindenden Weltmeisterschaft ist es schwierig, in Buenos Aires dem Tango aus dem Weg zu gehen. Die Klänge des Bandonéon, die so typisch für den Tango geworden sind, nachdem das von dem Krefelder Heinrich Band entwickelte Instrument Ende des 19. Jahrhunderts nach Argentinien kam, sind regelmässig und überall zu hören, auch wenn die Radioprogramme und Musiksender natürlich vom internationalen Chart-Einerlei dominiert werden. In den vielen sogenannten Milongas wird quer durch alle sozialen Schichten und Altersgruppen Tango getanzt, gelernt oder einfach beim Tanzen zugesehen.

Der Tango entwickelte sich Mitte des 19. Jahrhunderts in Buenos Aires und Montevideo, geprägt von afrikanischen Elementen und den unterschiedlichsten Einflüssen der europäischen Einwanderer, die in grosser Anzahl ins Land strömten. In einem Umfeld von Zuwanderung, Arbeitslosigkeit und katastrophalen Wohnbedingungen war er Anfang des 20. Jahrhunderts vor allem eine Musik der Arbeiter- und Unterschichten sowie des Rotlichtmilieus. Erst über den Umweg Europa, wo er sich in vor dem ersten Weltkrieg zum Modetanz entwickelte und von dort wieder über den Atlantik zurückkehrte, etablierte sich der Tango in allen Gesellschaftsschichten.

Im Gegensatz zu Samba und Salsa, die Lebensfreude und Leichtigkeit versprühen, ist der Tango von Schwere und Melancholie geprägt. Und dies passt gut zu den den dunklen Augenrändern der Argentinierinnen und einer latenten Sehnsucht nach besseren Zeiten, in denen das Pro-Kopf-Einkommen noch höher als in der Schweiz war, Erfindungen wie der Kugelschreiber aus Argentinien kamen oder das Achtelfinale gegen Deutschland bei einer Fussball-WM noch nicht das Aus bedeutete. Wie der Tangokomponisten Enrique Santos Discépolo formulierte, ist der Tango ein trauriger Gedanke, der getanzt wird.

Ich bin gerade dabei, so langsam mit Elektrotango warm zu werden.

Tanghetto – Alexanderplatztango

Un abrazo.